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Musarion
ââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââ
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Musarion oder Die Philosophie der Grazien. Ein Gedicht in drei BĂŒchern ist der Titel einer zuerst 1768 anonymcite-ref-1[1] publizierten philosophischen VerserzĂ€hlung von Christoph Martin Wieland. ErzĂ€hlt wird die Beziehungsgeschichte des auf seinem Landgut zurĂŒckgezogen lebenden Phanias und seiner ihn besuchenden grazienhaften Freundin Musarion. Wieland kritisiert in seinem Werk SchwĂ€rmerei und Dogmatismus und plĂ€diert â im Sinne der AufklĂ€rung â fĂŒr eine maĂvolle, weltzugewandte Denk- und Lebensweise.
Contents
âą Inhalt
âą Erstes Buch
âą Zweites Buch
âą Drittes Buch
âą Form
âą Rezeption
âą Weblinks
âą Literatur
âą Anmerkungen
ââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââ
Inhalt
Erstes Buch
Phanias geht verdrossen und gedankenvoll in einem wilden Hain in der NĂ€he seines kleinen Gutes am Meer umher. Vor kurzem genoss er noch in Athen das Leben in vollen ZĂŒgen â doch nun, da er kein Geld mehr hat, beklagt er die Eitelkeit alles Irdischen und die UnbestĂ€ndigkeit der Freundschaft. Wie Herkules am Scheideweg glaubt er, zwischen einem Leben in Genuss und Wollust einerseits und einem tugendhaften Leben auf der Suche nach Ruhm und Weisheit andererseits wĂ€hlen zu mĂŒssen. Er wĂ€hlt Letzteres und flieht deshalb vor allen Verlockungen.
Er erblickt seine frĂŒhere Freundin, die anmutige Musarion, und flieht vor ihr. Sie folgt ihm jedoch und spricht mit ihm ĂŒber ihre Beziehung. Aus ihrem Dialog erfĂ€hrt der Leser, dass die beiden lange geistig-seelisch befreundet waren, bis er sie einmal schlafend ĂŒberraschte, sich in diesen Anblick sofort verliebte und sie sexuell begehrte. Sie wollte ihn (und sich selbst auch) von dieser âSchwĂ€rmereiâ kurieren, durch eine oberflĂ€chliche Beziehung zu einem âGeckenâ, dem knabenhaften Bathyll. Diese gefĂŒhlte DemĂŒtigung gab den AnstoĂ zu Phanias' Wandlung: Die Zeit der Leidenschaften und der SchwĂ€rmerei sei fĂŒr ihn vorbei.
Musarion erklĂ€rt ihre AffĂ€re mit dem JĂŒngling als Amors Laune ohne tieferen Grund, die er zu schwer nĂ€hme (âdu rĂ€chst dich zu hart FĂŒr selbst gemachte Liebesschmerzenâ). Er habe sich ja auch nach ihrer ZurĂŒckweisung mit herbeigeholten TĂ€nzerinnen vergnĂŒgt. Sie verspottet ihn, weil er wie Diogenes fern der Stadt lebt, sich nach Art der Kyniker in Lumpen kleidet und mit einem wilden Bart herumlĂ€uft, und ermahnt ihn, er solle sich seine Denkungsart nicht von den WechselfĂ€llen des Schicksals bestimmen lassen: Wahres GlĂŒck liege in der Freundschaft und im Genuss der Natur, nicht in materiellem Wohlstand. Phanias jedoch will sich von allen Ă€uĂeren Reizen abschotten und GlĂŒck nur aus seinem Inneren schöpfen â ein verliebter Blick Musarions bringt ihn jedoch aus der Fassung und widerspricht seiner gerade geĂ€uĂerten Haltung.
Der Abend kommt, und Musarion bittet Phanias, bei ihm ĂŒbernachten zu können, um nicht in der Nacht in die Stadt zurĂŒckkehren zu mĂŒssen. Er wehrt zunĂ€chst ab und gibt dann zu, bereits Besuch zu haben: Zwei Philosophen, nĂ€mlich Kleanth, ein Stoiker, und Theophron, ein Pythagoreer. Musarion besteht darauf, die beiden kennenzulernen, und beide gehen zum Haus.
Zweites Buch
Die Philosophen sind einander inzwischen in die Haare geraten und prĂŒgeln sich, als Musarion und Phanias im Haus eintreffen. Phanias ist die Situation peinlich, Musarion schmeichelt Kleanth und Theophron. Sie möchte, dass die beiden bei Tisch ihre Gedanken debattieren, damit sie davon lernen könne. Sie becirct durch ihre Anmut die beiden und macht sich durch ironische Kommentare ĂŒber sie lustig. Ihre Absicht ist es, Phanias die WidersprĂŒche zwischen Theorie und Handeln bei den Philosophen zu demonstrieren. Dass gerade der Stoiker Kleanth sich von ihr schmeicheln lĂ€sst, offenbart, dass niemand vor Eigenliebe gefeit ist. Er prahlt mit seiner tugendhaften, enthaltsamen Lebensweise, trinkt dabei zu viel Wein, redet sich in Rage und muss am Ende von den anderen hinausgetragen werden. Theophron verteidigt den Genuss â sofern es geistiger Genuss ist: der Genuss der Musik sei Abbild der SphĂ€renharmonie. Von allem Körperlichen soll die Seele gereinigt und dadurch gottĂ€hnlicher gemacht werden. Bei seinem Vortrag starrt er immer wieder gebannt auf Musarions BrĂŒste und die ihrer Sklavin Chloe, die er mit Musik und Tanz umwirbt. Unterdessen sucht Musarion den Blickkontakt mit Phanias und bemerkt, dass er (trotz seiner Beteuerungen) immer noch in sie verliebt ist.
Drittes Buch
Phanias besucht nachts Musarion in ihrem Zimmer und gesteht ihr seine Liebe. Die Grazie erwidert, sie liebe ihn auch, jedoch mit âsanftem Triebeâ und nicht mit âSchwĂ€rmereiâ. Als sie sich seiner Umarmung entzieht, ist er gekrĂ€nkt, und sie erklĂ€rt, dass sie zunĂ€chst sichergehen wolle, dass seine âGlutâ kein âbloĂes Sinnenspiel, ein flĂŒchtiger Geschmack, ein kleines Fieberâ ist: âWenn Phanias mich liebt, so rĂ€umt er, hoff ich ein, Dass ich, eh ich mich verschenke, Auf meine Sicherheit vorher ein wenig denke. [âŠ] Allein du selber willst, dass wir im Ernst uns lieben. [âŠ] Es ist darum zu tun, dass wir uns glĂŒcklich machen, Und nur vereinigt kann dies Weisheit und Natur.âcite-ref-2[2] Dann sprechen die beiden ĂŒber Kleanth und Theophron und machen sich ĂŒber sie lustig: Phanias schĂ€mt sich, sie vorher noch als weise MĂ€nner bewundert zu haben. Musarion jedoch sieht Sinnvolles in ihren beiden Systemen und findet es âmenschlichâ, dass die Philosophen selbst weniger weise sind als die Systeme, die sie verteidigen. Auch hat sie VerstĂ€ndnis fĂŒr Phanias Flucht aufs Land: In einer Situation, in der ihm jeder Genuss geraubt war, nahm er Lehren willig auf, die die Entbehrung preisen und die Welt der Ideen höher schĂ€tzen als irdische GenĂŒsse.
Erst als sie sich der Reifung Phanias sicher ist, verbringt sie mit ihm eine Liebesnacht: âErgib dich (spricht zuletzt die schöne Siegerin) Mit guter Art! Du siehts, wie nachsichtsvoll ich bin So vielen Ăbermut zu tragen: Mehr Eigensinn, erlaube mirs zu sagen, Beleidigt meine ZĂ€rtlichkeit, Und dient zu nichts, als deine PrĂŒfungszeit Mehr, als ich selbst vielleicht es wĂŒnsche, zu verlĂ€ngern.âcite-ref-3[3]
Phanias hat mit Musarion eine glĂŒckliche Zeit vor sich, âgleich fern von DĂŒrftigkeit und stolzem ĂberfluĂ, GlĂŒckselig, weil ers war, nicht weil die Welt es wĂ€hnte [âŠ] Gesundes Blut, ein unbewölkt Gehirne, Ein ruhig Herz und eine heitre Stirne, Wie vieles macht ihn reich! [âŠ] was kann zum frohen Leben Der Götter Gunst ihm mehr und bessers geben? Die Weisheit nur, den ganzen Wert davon Zu fĂŒhlen [âŠ] Und, seines GlĂŒckes froh, kein andres zu erzielen! Auch diese gab sie ihm. Sein Mentor war kein Cyniker mit ungekĂ€mmtem Haar, Kein runzliger Kleanth, der, wenn die Flasche blinkt, Wie Zeno spricht und wie Silenus trinkt: Die Liebe wars. â Wer lehrt so gut wie sieâ.cite-ref-4[4] Die Philosophen verschwinden aus Phanias Leben. Er hat nicht durch sie, sondern durch die Liebe erkannt, was wahres GlĂŒck ist, und betrachtet âwas Natur und Schicksal uns gewĂ€hrt, [âŠ] die Dinge dieser Welt gern von der schönen Seiteâ. Er will nicht stĂ€ndig von der Tugend sprechen und glĂŒhen, sondern sie ĂŒben und hĂ€lt die Welt weder fĂŒr ein Elysium noch fĂŒr eine Hölle.
Form
Wie bei anderen Werken der Biberacher Phase Wielands konzentrierten sich die literaturwissenschaftlichen Analysen weniger auf den Inhalt als auf die aufwĂ€ndig erarbeitete Form. Der auktoriale ErzĂ€hler und seine Figuren sprechen in einem kunstvoll gereimten, komplexen Satzbau und einem heiter-ironischen, stellenweise spöttischen Ton mit vielen Anspielungen auf die griechische und römische Mythologie und Geschichte. Die ZusammenhĂ€nge dĂŒrften auch dem zeitgenössischen Lesepublikum nicht alle bekannt gewesen sein. Deshalb erklĂ€rt sie der Autor in Anmerkungen zum Text.
Sehr kunstvoll ist das Reimschema: Meist wechseln in der unstrophischen VerserzÀhlung Musarion, wie das Beispiel aus dem 3. Buch zeigt (s. u.),
âą der âvers communâ (der mit einer ZĂ€sur nach der vierten bzw. sechsten Silbe, bei mĂ€nnlichem, d. h. betontem, Versschluss (Kadenz) zehn Silben hat und bei weiblichem, d. h. unbetontem, Versschluss elf).
⹠mit Alexandrinern (ein im Deutschen sechshebiger jambischer Reimvers mit, je nach Versschluss, 12 oder 13 Silben und einer ZÀsur in der Mitte. Der Versschluss soll im Wechsel mÀnnlich und weiblich sein.) und
âą Jamben mit freier Silbenzahl (8â13 Silben) ab.
Und Ăch mein HĂ©rr, (versĂ©tzt sie) dĂe so vĂel (10, a, m)
BewĂ©isen sĂłll, bin Ăch, nach Ă©urer SĂttenlĂ©hre, (13, b, w)
Nicht ĂĄuch befĂșgt dass Ăch BewĂ©is begĂ©hre? (11, b, w)
Und wĂe, wenn Ă©ure GlĂșt ein blĂłĂes SĂnnenspĂel, (12, a, m)
Ein flÂŽĂŒchtigĂ©r GeschmĂĄck, ein klĂ©ines FĂeber wÂŽĂ€re? (13, b, w)
Wenn PhĂĄniĂĄs mich lĂebt, so rÂŽĂ€umt er, hĂłff' ich, Ă©in, (12, c, m)
Dass Ăch, eh' Ăch mich sĂ©lbst verschĂ©nke, (9, d, w)
Auf mĂ©ine SĂcherhĂ©it vorhĂ©r ein wĂ©nig dĂ©nke. (13, d, w)
Bei LĂ©uten vĂłn so wĂĄrmem BlĂșt (8, e, m)
Ist dĂese VĂłrsicht wĂłhl nicht ĂĄllzu wĂ©it getrĂeben. (13, f, w)
VerzĂ©ihe, wĂ©nn sie dĂr ein wĂ©nig Ănrecht tĂșt; (12, e, m)
AllĂ©in du sĂ©lber wĂllst dass wĂr im Ărnst uns lĂeben? (13, f, w)
Sonst tÂŽĂ€ndelt' Ăch mit Ămors PfĂ©ilen nĂșr: (9, g, m)
Jetzt, dĂĄ er mĂch erhĂĄscht, ist's nĂcht mehr ZĂ©it zum LĂĄchen; (12, h, w)
Es Ăst darĂșm zu tĂșn dass wĂr uns glÂŽĂŒcklich mĂĄchen, (12, h, w)
Und nĂșr verĂ©inigt kĂĄnn dies WĂ©isheit Ășnd NatĂșr. (12, g, m)
Einige Redewendungen sind in den deutschen Sprachgebrauch aufgenommen worden. Im zweiten Buch kommentiert der ErzĂ€hler die Tatsache, dass Kleanth und Theophron den zĂ€rtlichen Blickwechsel zwischen Musarion und Phanias nicht bemerken, mit den Worten: âDie Herren dieser Art blendt oft zu vieles Licht, / Sie sehn den Wald vor lauter BĂ€umen nicht.â
Entstehungs- und Publikationsgeschichte
Wieland arbeitete an der VerserzĂ€hlung zwischen 1764 und 1767, veröffentlichte es aber erst 1768 bei der Verlagsbuchhandlung Weidmanns Erben und Reich in Leipzig, nachdem sein Verleger GeĂner in ZĂŒrich den Text wegen befĂŒrchteter Schwierigkeiten mit der Zensur abgelehnt hatte. FĂŒr folgende Ausgaben wurde der Text immer wieder ĂŒberarbeitet; die Ausgabe letzter Hand erschien 1795 im 9. Band von Wielands SĂ€mmtlichen Werken.
Interpretation und Rezeption
Als Musarion 1768 erschien und auf ĂŒberwiegend positive Resonanz beim Publikum stieĂ, war Wieland schon ein bekannter Schriftsteller, wurde sogleich ins Französische ĂŒbersetzt und hatte seine AnhĂ€nger und Kritiker.cite-ref-5[5] FĂŒr die im MĂ€rz 1769 erschienene zweite, unter seinem Namen veröffentlichte Auflage verfasste Wieland als Vorwort einen Brief an Christian Felix WeiĂe. Darin bedankt er sich fĂŒr sein Lob der Musarion und Ă€uĂert seine Freude ĂŒber âdas gĂŒnstige Urteil so vieler andrer Kennerâ, das er fĂŒr dieses Werk bekommen hat. Er glaubte, ânach so vielen allzu unvollkommenen Versuchenâ nun ein Werk geschaffen zu haben, das ihn ĂŒberdauern wird.
Wielands Verteidigung gegen seine Kritiker
In diesem Brief-Vorwort reagiert der Autor auch auf seine Kritiker, denen er Voreingenommenheit gegen neue Gedanken seines gegen den âGeschmack und Genius unsrer Zeiten gewidmeten Gedichtsâ vorwirft. Er bedauert, dass âselbst die wenigen unter den öffentlichen Beurteilern, welche gewohnt sind zu denken, ehe sie schreiben, vielleicht nicht MuĂe gehabt haben, sich die Philosophie der Grazien genau genug bekannt zu machen, um den wahren Plan, den Zusammenhang der GrundsĂ€tze, und die eigentlichen Absichten dieses Gedichts, [âŠ] richtig genug zu entwickeln.â Er rede hier von einer bessern Art von Köpfen, als es die schulgerechten Philosophen [gewissermaĂen] sind, von denen geschrieben stehe: âDie Herren dieser Art blendt oft zu vieles Licht, Sie sehn den Wald vor lauter BĂ€umen nicht.â Er schlieĂt seinen Brief mit der Ăberlegung, wie âglĂŒcklich, wie groĂ, wie unabhĂ€ngigâ diese besseren Köpfe sein könnten, wie wenig [sie] die âGunst der Könige nötigâ hĂ€tten und âwie ehrwĂŒrdigâ sie selbst âin den Augen der GroĂen der Weltâ sein könnten, âwenn ihr Herz eben so gut, als ihr Kopf wĂ€re: wenn der Einfluss der Musen und Grazien, auch ihr sittliches GefĂŒhl, wenn ihr Geschmack auch ihre Gesinnungen verfeinert und verschönert hĂ€tte; wenn sie durch einen edlen Stolz sich zu groĂ dĂŒnkten, zu den niedertrĂ€chtigen Leidenschaften des Pöbels und ihren verĂ€chtlichen AusbrĂŒchen herabzusinkenâ, bei dem âgroĂen Haufen der Unwissenden und Narren, der den Erdboden bedecktâ und die âWissenschaften und die liebenswĂŒrdigen wohltĂ€tigen KĂŒnste der Musen verĂ€chtlichâ macht. âWieviel wĂŒrden sie, wieviel wĂŒrde die Gesellschaft und in der Folge die menschliche Natur selbst, die von dem höchsten Grade der Verschönerung, deren sie fĂ€hig ist, noch so weit entfernt scheint, durch die ErfĂŒllung dieses Wunsches gewinnen, wenn alle Leute von Genie und Talenten, alle Gelehrte, alle Schriftsteller, wenigstens alle guten, ohne Eifersucht und niedrige Privatabsichten in einem tugendhaften und freundschaftlichen Wetteifer auf ihrer gemeinschaftlichen Laufbahn neben einander fortliefen, einander allezeit Gerechtigkeit widerfahren lieĂen, jedes neu aufkeimende Talent mit VergnĂŒgen willkommen hieĂen, und anstatt es zu schrecken und niederzuschlagen, es auf alle mögliche Weise aufzumuntern bedacht wĂ€ren.â
Wielands Grazienphilosophie
Die meisten wissenschaftlichen Interpretationen beziehen sich auf Wielands Vorwort zu seinem âden Grazienâ gewidmeten Werk, in dem er es als seine Lebensphilosophie interpretiert, und sehen ihre Hauptaufgabe in Formanalysen.cite-ref-6[6]
Wieland bekennt, dass er die Figur der Musarion als âgetreue Abbildung der Gestalt [s]eines Geistesâ konzipiert habe: âIhre Philosophie ist diejenige, nach welcher ich lebe; ihre Denkart, ihre GrundsĂ€tze, ihr Geschmack, ihre Laune sind die meinigen. Das milde Licht, worin sie die menschlichen Dinge ansieht; dieses Gleichgewicht zwischen Enthusiasmus und Kaltsinnigkeit, worein sie ihr GemĂŒt gesetzt zu haben scheint; dieser leichte Scherz, wodurch sie das Ăberspannte, Unschickliche, SchimĂ€rische, (die Schlacken, womit Vorurteil, Leidenschaft, SchwĂ€rmerei und Betrug, beinahe alle sittlichen Begriffe der Erdbewohner zu allen Zeiten, mehr oder weniger verfĂ€lscht haben,) auf eine so sanfte Art, dass sie gewissen harten Köpfen unmerklich ist, vom wahren abzuscheiden weiĂ; diese sokratische Ironie, welche mehr das allzustrenge Licht einer die Eigenliebe krĂ€nkenden oder schwachen Augen unertrĂ€glichen Wahrheit zu mildern, als andern die SchĂ€rfe ihres Witzes zu fĂŒhlen zu geben sucht; diese Nachsicht gegen die Unvollkommenheiten der menschlichen Natur â welche, [âŠ] mit allen ihren MĂ€ngeln doch immer das liebenswĂŒrdigste Ding ist, das wir kennen. â Alle diese ZĂŒge, wodurch Musarion einigen modernen Sophisten und Hierophanten, Leuten, welche den Grazien nie geopfert haben, zu ihrem Vorteile so unĂ€hnlich wird â diese ZĂŒge â [âŠ] sind die Lineamenten meines eignen Geistes und Herzensâ. Unter seinen Zeitgenossen und unter den Menschen aller Zeiten gebe âkeine geringe Anzahl, denen ein moralisches Gesichte, das dem ihrigen so wenig gleicht, notwendig hĂ€sslich vorkommenâ mĂŒsse. âVon Herzen gern sei ihnen das Recht zugestanden, davon zu urteilen, wie sie können: genug fĂŒr mich, wenn Musarion und ihr Verfasser allen denen lieb ist, und es immer bleiben wird, welche in diesen ZĂŒgen ihre eignen erkennen.â
Nach BeiĂner ist Musarion âein Lehrgedicht mit aller Grazie der ErzĂ€hlung, wie sie nur Wieland vorzutragen weiĂ, also keine ErzĂ€hlung fĂŒr den platten Zeitvertreib, uns so durch durchwaltet und durchwirkt von dem anmutig-caprizuiösen Geist des âGesprĂ€chsâ, wie er sonst nur in der Komödie den dafĂŒr EmpfĂ€nglichen entzĂŒckt.âcite-ref-7[7]
Goethe hat nach BeiĂner im 7. Buch der Dichtung und Wahrheit das Wesentliche der Musarion erkannt, worin er âdas Antike lebendig und neu wieder zu sehen glaubteâ und Wielands Naturell, âdas den gegen alle SchwĂ€rmerei misstrauischen Dichter auszeichnetâ: âwie seine Spottlaune aus ehrlicher Sorge, aus tieferem VerstĂ€ndnis fĂŒr das von andern oft nur oberflĂ€chlich gepriesene Wahre und EhrwĂŒrdige heraufkommt.â Goethe bezog Musarion auch nicht auf âetwelches Rokokoâ.cite-ref-8[8] und dementsprechend findet BeiĂner die Zuordnung Wielands zum Rokoko-Protagonisten âproblematischâ. Sie widerspreche zumindest dem SelbstverstĂ€ndnis des Dichters, der seinen eigenen âUrsprung von dem sokratischen Geniusâ und der âsokratischen Ironie als Merkmal seines eigentĂŒmlichen Stilsâ ableiten möchte und nicht von der Anakreontik.cite-ref-9[9] Seine Schilderungen stĂŒnden mit âfeiner Brechungâ im âironischen Abstandâ: â[E]r geht nirgends auf in dem rosenfarbenen Scheinwesen der Rokoko-Reminiszenzen, er macht sich und seinen Lesern immer einen SpaĂ damit [âŠ] Das Phantastische ins Wirkliche zu mischen, da steckt immer eine schalkhaft ironische Absicht dahinter.âcite-ref-10[10]
Rezeption
Das Interesse des Lesepublikums und der Rezipienten an Wieland wechselte im Laufe der Zeit. Im 19. Jh. war der Weimarer Klassiker mit beachtlicher geschichtlicher Bedeutung nur noch âein sehr berĂŒhmter Name, aber kein lebendiger Schriftsteller mehrâ.cite-ref-11[11] In seiner Zeit wurde Wieland dagegen viel gelesen und er hatte seine gröĂte Bedeutung und PopularitĂ€t schon zu Lebzeiten. Das sieht man auch an zeitgenössischen französischen, italienischen, englischen und osteuropĂ€ischen Ăbersetzungen. TĂŒrkische und japanische Ausgaben kamen spĂ€ter dazu.cite-ref-12[12]
Wielands frĂŒhe Werke, u. a. die Versepen, erschienen aus ZensurgrĂŒnden wegen der sexuell-erotischen Motive zuerst anonym, doch schnell wurde bekannt, wer sie verfasst hatte, und der Autor wurde kritisiert und sogar angefeindet, v. a. vom Göttinger Hainbund und den Romantikern:
Mit ihrer Verehrung Friedrich Gottlieb Klopstocks grenzten sich die Göttinger gleichzeitig gegen Wieland und dessen frivole Themen und seinen ironischen Stil ab. Am 2. Juli 1773, Klopstocks Geburtstag, verbrannten Mitglieder des Hains ein Bild Wielands als âexecutio in effigieâ und sein Versepos Idris und Zenide wegen Sittenwidrigkeit.cite-ref-13[13] Ein Jahr spĂ€ter, zum 50. Geburtstag Klopstocks wiederholte sich das Ereignis.cite-ref-14[14]
Aber Wieland hatte in seiner Zeit mehr Bewunderer als Feinde, v. a. bei den Weimaranern. BeiĂner untersucht in seinem Nachwort den Einfluss Wielands auf den jungen Goethe. Im 7. Buch von Dichtung und Wahrheit beschreibt dieser die âSumme von Wielands KĂŒnstlertumâ: âGanz ohne Frage besaĂ Wieland unter allen das schönste Naturell. Er hatte sich frĂŒh in jenen ideellen Regionen ausgebildet, wo die Jugend so gern verweilt; da ihm diese [âŠ] verleidet wurden, so warf er sich auf die Seite des Wirklichen, und gefiel sich und andern im Widerstreit beider Welten, wo sich zwischen Scherz und Ernst, im leichten Gefecht, sein Talent am allerschönsten zeigte.â
Weblinks
âą Musarion im Projekt Gutenberg-DE
âą 1769er Ausgabe mit Illustrationen: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb11696951?page=,1
⹠Musarion als Hörbuch
Literatur
âą Wielands Werke in vier BĂ€nden. Dritter Band. AusgewĂ€hlt und eingeleitet von Hans Böhm. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1967, S. 5â49.
âą Dirk von Petersdorff: Wieviel Metaphysik braucht die AufklĂ€rung? : Christoph Martin Wielands âMusarionâ. In: Merkur. Deutsche Zeitschrift fĂŒr europĂ€isches Denken. Nr. 667 (11/2004), S. 1009â1019.
âą Gottfried Willems: Von der ewigen Wahrheit zum ewigen Frieden. âșAufklĂ€rungâč in der Literatur des 18. Jahrhunderts, insbesondere in Lessings âșNathanâč und Wielands âșMusarionâč. In: Wieland-Studien Bd. 3. Hg. v. Klaus Manger und v. Wieland-Archiv Biberach. Sigmaringen: Thorbecke 1996. S. 10â46.
âą Gottfried Willems: Hans Castorp und Herkules am Scheideweg. Das Leib-Seele-Problem und seine Wendung im Sinne aufgeklĂ€rter HumanitĂ€t in Thomas Manns âZauberbergâ und Wielands âMusarionâ. In: Bejahende Erkenntnis. Festschrift fĂŒr T. J. Reed. TĂŒbingen 2004. S. 145â162.
Anmerkungen
cite-note-11. â bei Weidmannâs Erben & Reich in Leipzig
cite-note-22. â Christoph Martin Wieland: Musarion. In: AusgewĂ€hlte Werke in drei BĂ€nden. Bd. 1 Epen und Versepen. Herausgegeben von Friedrich BeiĂner. Winkler-Verlag, MĂŒnchen 1964, S. 611.
cite-note-33. â Christoph Martin Wieland: Musarion. In: AusgewĂ€hlte Werke in drei BĂ€nden. Bd. 1 Epen und Versepen. Herausgegeben von Friedrich BeiĂner. Winkler-Verlag, MĂŒnchen 1964, S. 612.
cite-note-44. â Christoph Martin Wieland: Musarion. In: AusgewĂ€hlte Werke in drei BĂ€nden. Bd. 1 Epen und Versepen. Herausgegeben von Friedrich BeiĂner. Winkler-Verlag, MĂŒnchen 1964, S. 616.
cite-note-55. â Ilse-Jutta Sandstede: Die Göttinnen der Anmut in Wielands Werk: Ein Beitrag zur Rhetorik der AufklĂ€rung (Diss.). Oldenburg 1999. Forschungsbericht S. 252 ff. mit Bezug auf Gruber: C.M. Wieland. SĂ€mmtliche Werke, hg. von Johann Gottfried Gruber. Leipzig 1818â1828. Bd. 15, S. 298â309. https://oops.uni-oldenburg.de/348/2/sangoe00.pdf.
cite-note-66. â Ilse-Jutta Sandstede: Die Göttinnen der Anmut in Wielands Werk: Ein Beitrag zur Rhetorik der AufklĂ€rung (Diss.). Oldenburg 1999. Forschungsbericht S. 24 ff.
cite-note-77. â Christoph Martin Wieland: AusgewĂ€hlte Werke in drei BĂ€nden. Bd. 1 Epen und Versepen. Herausgegeben von Friedrich BeiĂner. Nachwort des Herausgebers S. 913.
cite-note-88. â Christoph Martin Wieland: AusgewĂ€hlte Werke in drei BĂ€nden. Bd. 1 Epen und Versepen. Herausgegeben von Friedrich BeiĂner. Nachwort des Herausgebers S. 914
cite-note-99. â Brief an Riedel vom 4. Februar 1768, zitiert in: Nachwort des Herausgebers. Christoph Martin Wieland: AusgewĂ€hlte Werke in drei BĂ€nden. Bd. 1 Epen und Versepen. Herausgegeben von Friedrich BeiĂner. Nachwort des Herausgebers S. 915
cite-note-1010. â Christoph Martin Wieland: AusgewĂ€hlte Werke in drei BĂ€nden. Bd. 1 Epen und Versepen. Herausgegeben von Friedrich BeiĂner. Nachwort des Herausgebers, S. 915.
cite-note-1111. â Eduard Engel: Geschichte der deutschen Literatur. G. Freytag, Leipzig, und F. Tempski, Wien, 1909, Bd. 1, S. 474.
cite-note-1212. â Wieland Forschungszentrum OĂmannstedt. https://wielandforschung.de
cite-note-1313. â Johann Heinrich VoĂ: Brief vom 4. August 1773 an Ernst Theodor Johann BrĂŒckner. In: Briefe von Johann Heinrich VoĂ nebst erlĂ€uternden Beigaben. Hg. von Abraham VoĂ. 3 BĂ€nde. Halberstadt 1829â1833 (Reprint Hildesheim 1971); Bd. 1, S. 144 f.
cite-note-1414. â Wilhelm Herbst: Johann Heinrich VoĂ, Bd. 1. Leipzig 1872 (Reprint: Bern 1970), S. 291.